begegnung

am fenster die amsel
schaut mich an
sie schaut so fragend
und ich kann
mir nicht erklären
was sie will
sie tut es auch nicht
sie bleibt still

ich trete näher
sie schrickt auf
flattert ganz eilig
fliegt darauf
vom fenster weg
hoch in den baum
so klein ist sie
ich seh sie kaum

doch nun tut sie
was sie vermied
als sie am fenster saß:
ein lied
erfüllt den hof
mit feinem klang
nie hört ich
schöneren gesang!

impuls: kindergedicht bei @lyrimo1

© 2021, stachelvieh. einfach gedanken…. All rights reserved.

gleichnis

es war da mal die freche maus
die ständig stritt und manchmal biss
sie hatt meist ärger, und so riss
sie eines tages schließlich aus

so wollte sie allem entfliehn
dacht nicht daran sich selbst zu ändern
viel lieber wollt sie weiter schlendern
weil das viel einfacher ihr schien

so lief die maus tagaus tagein
benahm sich schlecht und lief dann fort
sie kannte bald schon jeden ort
und konnte nirgends lange sein

bis eines tages plötzlich stund
etwas im wege ihrer flucht
und sie verzweifelt ausweg sucht’
ihr wurde klar, die erd ist rund

als die barrieren sie erkannt
da waren sie ihr sehr vertraut
die hatte sie einst selbst gebaut
und war vor ihnen weggerannt

die erd ist rund, so ist es klar
egal wie schnell du laufen kannst
du irgendwann dorthin gelangst
wo deiner fluchten anfang war

© 2021, stachelvieh. einfach gedanken…. All rights reserved.

unter der alten kastanie

die glanzlackierten braunen knospenspitzen
an den kastanienzweigen rissen heute auf
bevor grünhändig sie im himmel fingern
setzen sie ihren häuptern kerzen auf

wenn dann den zweigen grüne igel wachsen
wird dieses jahr schon längst erwachsen sein
des sommers füllhorn schenkt dann reich ernte
und läutet zeiten eines großen wandels ein

der baum wird in der zwischenzeit viel sehen
ich werde sicher ihn ganz oft passieren
die amseln ziehen zweimal kinder auf

hunde schnüffeln am stamm das weltgeschehen
in seinem schatten wird wer einen kuss riskieren…
und plötzlich ist das jahr im zieleinlauf

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ver/lime/rickt

bin den weg nicht gegangen zwei tage
ganz verändert scheint heute die lage
alle welt scheint viel grüner
die magnolie wird kühner
ob der frost noch mal kommt, bleibt die frage

dicht geduckt unterm zaun stehen trauben
hyazinthen die ganz ernsthaft glauben
wenn sie sich genug recken
sie die sonne erwecken
gurrend lästern ein paar ringeltauben

elstern streiten um die besten plätze
weidenkätzchen tragen güldene schätze
ein schnecke schaut aus
ihrem häuschen heraus
spinnen knüpfen zartseidene netze

stare stochern durch vorstadtrabatten
bärlauch duftet im auenwalschatten
und die sonne hat kraft
die veränderung schafft –
wenn die wolken es einmal gestatten

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teichfrühling

ruhig ist es, der wind schlief morgens ein
aus trocknem ried schiebt sich nun frisches grün
nicht lang dann wird der igelkolben blühn
das wird den teichhühnern die kinderstube sein

ein reiher steht einsam mitten im spiegelglas
des teichs, sein bein schreibt in die fläche ringe
wie wenn bei ihm die zeit langsamer verginge
verharrt er starr als ob er längst vergaß…

die ersten bienen torkeln durch das gras
laben sich an der gänseblümchen wonnen
die zwischen halmen tupfen kleine sonnen
wo gestern noch ein kleiner krokus saß

schon hörte ich den ersten krötenlaut
das lange taglicht hat sie längst geweckt
ich sah sie nicht, sie hat sich gut versteckt
hängt perlenschnüre bald unter die wasserhaut

die amsel nimmt am ufersaum ein bad
den nackten bäumen wachsen kormorane
wie ich des sommers fülle schon erahne
der frühling legte längst dafür die saat

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