elegie

ich laufe durch die straßen meines viertels
sie sehen anders aus als kürzlich noch im mai
die sonne streift längst nicht mehr jede ecke
kastanien geben ihre kinder frei

der rauwind macht die lindenkronen schütter
die schnecken suchen langsam ein quartier
den winter still und starr bald zu verschlafen
wir sind im jahresviertel nummer vier

die ersten menschen tragen warme kutten
die ersten stühle werden reingestellt
der sommer schwindet langsam aus dem sinn

ich zähl an allen zweigen hagebutten
und frage für mein dasein in der welt
in welchem meiner viertel ich denn bin

© 2021, stachelvieh. einfach gedanken…. All rights reserved.

richtige voraussage

schönwetter ist ja nie von dauer
bald dunkeln wolken dann das licht
und wie der wettermann verspricht
folgt dann wohl bald ein regenschauer

es wird nun frischer in den straßen
die tropfen säuseln leis geschichten
vor denen jene draußen flüchten
die ihren regenschirm vergaßen

das grün der bäume glänzt vom regen
die vögel lauschen selbstvergessen
ich sitz am fenster auf der lauer

das weiche nass ist solch ein segen
wie kleine tropfen alles nässen
bin wahrlich gern ein regenschauer!

© 2021, stachelvieh. einfach gedanken…. All rights reserved.

einer legende #lyrimo No. 30

die großen brummer sind selten geworden
als kind staunte ich über die geschichten
die von den maikäferjahren berichten
ich erlebte sie niemals mit ihren rekorden

so blieb der maikäfer für mich chimäre
von den buben onkel fritz ins bette gesetzt
und von reinhard besungen im nachruf zuletzt
als ob er ein reines hirngespinst wäre

nun schreibe diesem krabbler ich ein gedicht
maikäferkinderjahre erlebte ich nicht
doch grad dieses jahr sah ich zwei seiner brüder

ich freute mich an ihnen fast wie ein kind
die so selten und kurz nur zu sehen sind
immer hoffend, sie kehren mal wieder

impuls: “maikäfer”

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unter der alten kastanie

die glanzlackierten braunen knospenspitzen
an den kastanienzweigen rissen heute auf
bevor grünhändig sie im himmel fingern
setzen sie ihren häuptern kerzen auf

wenn dann den zweigen grüne igel wachsen
wird dieses jahr schon längst erwachsen sein
des sommers füllhorn schenkt dann reich ernte
und läutet zeiten eines großen wandels ein

der baum wird in der zwischenzeit viel sehen
ich werde sicher ihn ganz oft passieren
die amseln ziehen zweimal kinder auf

hunde schnüffeln am stamm das weltgeschehen
in seinem schatten wird wer einen kuss riskieren…
und plötzlich ist das jahr im zieleinlauf

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frisches laub

ach könnt ich einfach mich entfalten
wie diese blätter an den linden
könnt ich so leicht die frische finden
nachdem getrennt ich mich vom alten

wenn in des lauen frühlings tagen
natur will aus den nähten platzen
und in den sträuchern vögel schwatzen
dann stelle ich mir solche fragen

warum ich es im herbst nicht schaffe
nach gut gelebten warmen zeiten
den alten kram auszusortieren

und so staune ich und gaffe
wie die bäume grün ausbreiten
das im herbst sie doch verlieren

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